Stadthaus Winterthur


DAS STADTHAUS
Schon bei der Einladung der Architekten zum Wettbewerb und besonders bei der Auswahl der Projekte wollte Johann Jakob Sulzer, der damalige Stadtpräsident, Semper als Architekten für den Neubau gewinnen. Das Winterthurer Stadthaus wurde in den Jahren 1865-1870 nach Sempers Plänen erbaut. Am 30. Oktober 1870 fand die 1. Bürgergemeindeversammlung im neuen Stadthaussaal statt. Semper plante ein Gebäude mit einer Tempelfront. Der Bau ist Symbol für ein geistig-politisches Zentrum, das in erster Linie als Ort der demokratischen Versammlung der Gemeinde diente. Es umfasste auch das Stadtarchiv und Räume für die Stadtverwaltung. Durch die besondere politische Bedeutung des Gemeindesaals hob Semper den Mitteltrakt mit korinthischem Portikus hervor. Raffiniert gestaltete er den Einzugsweg ins Haus mit seinen vier Eingängen und der Freitreppe. Das Stadthaus wird aufgrund seiner Architektur wiederholt als Tempel der Demokratie bezeichnet. Es erinnert an die demokratische Bewegung Winterthurs in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wegen Raumnot wurde das Gebäude 1932-1934 von Architekt Lebrecht Völki gegen Norden um zwei Fensterachsen verlängert und der Saal, der heute als Konzertsaal genutzt wird, vergrössert. Das Projekt für diese Umbauten war sehr umstritten.

 

 

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DIE GIEBELFIGUREN
Wesentlicher Teil des Bauwerks sind der Figurenschmuck. Sie setzen dem Mitteltrakt die Krone auf. Über dem Südgiebel die Vitodura, auf dem Nordgiebel eine Pallas Athene, flankiert von Greifen. Alle sechs Figuren wurden 1869 kurz vor Vollendung des Bauwerks aufgestellt. Der verwendete Schleitheimer Sandstein erwies sich in der wetterexponierten Situation allerdings als ungeeignetes Material. 1914 wurde der Beschluss gefasst, die Figuren in Kunststein neu zu erstellen. Der Erste Weltkrieg verhinderte deren Realisierung. 1915 mussten die Figuren aus Sicherheitsgründen entfernt werden. Im Oktober 2005 kehrten die von zwei Greifen bewachte, 2.65 Meter hohe Vitodura und im August 2007 schliesslich auch die Pallas Athene dank der Initiative des Fördervereins Semper Stadthaus Winterthur als krönende Elemente der Architektur des Gebäudes wieder zurück. Alle neuen Figuren wurden durch Gregor Frehner, Steinbildhauer aus Winterthur, nach authentischen Vorbildern in Bollinger Sandstein geschaffen.


Vitodura (im Bild)

Selbstbewusst und geschmückt mit einer Mauerkrone als Zeichen des freien Bürgertums, ein Füllhorn haltend, welches Reichtum, Glück und Fruchtbarkeit über die Stadt ausschütten soll, steht Vitodura - die Personifikation des guten Geschickes unserer Stadt - hoch über Winterthur. In der klassischen Antike wäre Vitodura eine Tyche oder eine Glücksgöttin. Die Vitodura ist Sinnbild urbanen Fleisses und Prosperität, benannt nach dem römischen Namen von Winterthur. Diese Figur wurde vom Bildhauer Robert Dorer aus Baden nach antiken Vorbildern entworfen.


Pallas Athene

Die Statue der Pallas Athene, Göttin der Weisheit, auf dem Nordgiebel stammte vom Schaffhauser Bildhauer Johann Jakob Oechslin, der dafür einen Gipsabguss der Athene Giustiniani aus der päpstlichen Sammlung des Vatikans als Vorlage verwendete.


Greifen

Greifen sind seit dem Altertum symbolträchtige Begleiter des Menschen. Ursprünglich eine Mischform zwischen Löwen und Adler sind sie mächtige Wesen, die zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Deshalb waren sie in der griechischen Architektur Wächter auf Gräbern und Toren. Auf dem Stadthaus symbolisieren sie Übersicht, Wachsamkeit und Demokratieverständnis.